Kerstin Hensel über das Schreiben von Gedichten
»Was eigentlich ist ein gutes Gedicht – und wodurch unterscheiden sich gute Gedichte von schlechten oder von ganz missratenen, und wie lässt sich das erkennen?« In ihrem jüngsten Buch geht Kerstin Hensel, die selbst, neben Romanen, Novellen, Erzählungen und Theaterstücken, mehrere viel beachtete Lyrikbände veröffentlich hat, diesen Urfragen der Poesie nach und beantwortet sie auf ganz eigenwillige, zum Teil provokante Weise, um »leidenschaftlichen Lesern« ebenso wie jenen sprichwörtlichen, von staubtrockenen Kathederdiktatoren mit Gedichten gequälten Schülern nebst deren verzweifelten Eltern auf die Sprünge zu helfen, aber auch, um auf sich selbst zurückgeworfenen Germanistikstudenten und Amateurdichtern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Kunst und Kitsch wird durchforstet, Ration und Rätsel seziert, Märchen und Mythen auf das Tapet gebracht, Tradition sinnreich hinterfragt, Politik und Mundart schonungslos beleuchtet. Herausgekommen ist ein lesenwertes, faktenreiches Kompendium, hilfreich ergänzt durch Glossar und Lektüreempfehlungen.
Ob es den Regeln der Fairness vollständig entsprich, wenn die Autorin bereits vorab den einen oder anderen Text als »hilflos«, »schlichtweg ungekonnt« oder als »Invasion banalsten Kitsches« deklariert und hernach erst dem Leser freigibt, sei dahingestellt. An der Richtigkeit der forschen Henselschen Verdikte besteht durchaus kein Zweifel! Das Herz erfrischend, die Seele wärmend und dem Verstand applaudierend offenbart und bewährt sich die rigorose Herangehensweise der Verfasserin beim gnadenlosen Sezieren aufgeplusterter, blasiert verrätselter, arrogant parlierender zeitgenössischer Pseudopoesie, mit der sich keineswegs unbekannte, deshalb im Buch auch bei ihrem guten Namen genannte Profilyriker hin und wieder präsentieren.
Dass sich die Autorin und Lyrikdozentin andererseits – was keineswegs als selbstverständlich erachtet werden kann auf dem weiten Feld der »Lyrikmacherleitfäden- und Gedichtleseübungsliteratur« – in einem geistvollen und amüsanten Kapitel mit der schönen, einem Gedicht von Günter Saalmann entlehnten Dachzeile »Untenrum mit Huschelwar« ernsthaft und sachverständig auf Gedichte für Kinder einlässt kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Li Lien
Kerstin Hensel: Das verspielte Papier. Über starke, schwache und vollkommen misslungene Gedichte Luchterhand Literaturverlag, 14,99 Euro
www.luchterhand.de