»Goetheallee« – ein neuer Roman von Jens Wonneberger
»Den 3. September früh drei Uhr stahl ich mich aus dem Karlsbad weg, man hätte mich sonst nicht fortgelassen. Man merkte wohl, daß ich fort wollte. Ich ließ mich aber nicht hindern, denn es war Zeit.« – vertraute der Mittdreißiger Johann Wolfgang von Goethe seinem Tagebuch an und ward tatsächlich fortan im thüringischen Weimar, des Dichters Musenhof und Hauptquartier, auf ein Längeres, so an die zwei Jahre, nicht mehr zu sehen. »Et in Arcadia ego« soll er wohlig geseufzt haben, als seine Auswanderstiefel mediterranes Terrain betraten, auch ich in Arkadien, raus aus dem deutschen Mief, ade der Schreibblockade, der Fürstendienerei. Das könnte es irgendwie schon sein, glaubt Jens Wonnebergers Romanheld, angekommen in der Mitte des Lebens – mitnichten Dichterfürst, doch doppelt freier Autor immerhin. Zwar hat Frau Wohlgemuth in ihrer an sich gut sortierten Bücherstube nicht einen einzigen Titel seiner Werke am Lager, doch kann er sich als Mitproduzent knallbunt lackierter Hochglanz-Imagebroschüren für das hiesige Touristenbüro, mit denen Urologenkongressler, Schacholympioniken, Bildungsreisende und Pensionäre aller Couleur in die Stadt gelockt werden sollen, nebst dem stattlichen Angestelltensalär von Sabine, seiner Ehefrau, ganz leidlich über Wasser halten.
Halbwegs paletti also das Große und Ganze, Gott und die Welt. Wäre da nicht dieser bohrende Verdacht, Sabine könnte es ausgerechnet mit dem plebejischen Hausmeister treiben. Wäre da nicht die Presse-, Tabak- und Jägermeisterverkäuferin Hartmann. Warum nur drängt sie ihn so emsig, die Jugendgedichte ihres Nazigroßvaters und Vagabunden a. D. zu begutachten? Und wären da nicht diese ihn wehmütig quälenden Erinnerungen an Katharina, seine Kleinstadtjugendliebe, mit der er einen Augenblick lang vom Süden, der Toskana, den Hügeln und dem Meer geträumt hatte. Außerdem: Was ist da urplötzlich in Karl den Abenteurer, Geschichtenerfinder und Wirt der Klosterstube gefahren, den gewesenen Literaten nachmittäglicher Kneipereien wegen per Telefon, heimtückisch also, bei dessen derweil arglos im Büro tätigen Ehefrau anzuschwärzen. Das übersteigt sogar die farbenfrohe Fantasie eines erfolgreichen Hochglanzprospekte-Verfertigers!
Einmal schon, mit Sabine unterwegs via Gardasee und dem berühmten Hinterland, war das in ihm aufgestiegen, »dass es so nicht weitergehen könne.« Sein Gesicht im Spiegel betrachtend, war es ihm fremd erschienen. »Das versuchte Lächeln wirkte falsch und verkrampft und er fragte sich was er hier sollte.« Ein kurz aufscheinendes retardierendes Moment – dann war die Welt wieder in Ordnung gewesen.
Nun aber, wieder unterwegs nach Arkadien, im Kleinbus diesmal, als Tourist verkleidet und in netter Gesellschaft: Sabine, Frau Wohlgemuth, zwei pensionierte Studienräte und so weiter, nun aber wird er es auf den Punkt bringen: An der Tankstelle gleich hinter der Grenze unauffällig seinen Rucksack schnappen, eine Zigarette anzünden, sich in Richtung der Berge drehen und ausschreiten.
Pass bloß auf, ist man als ausgefuchster Kenner der Weimarer Klassik versucht, ihm warnend hinterher zu rufen. Schließlich ist es sein zweiter Italientripp. Dem alten Geheimrat war selbiger gründlich daneben gegangen …
Von Wonneberger, der vor zwanzig Jahren mit dem Roman »Ohorn« seinen literarischen Erstling vorlegte, sind mittlerweile sieben Romane und zahlreiche Erzählungen erschienen, ein Werk, mit dem er bereits seit geraumer Zeit zu den profilierten und ausgesprochen produktiven Autoren der gegenwärtigen literarischen Szene gezählt werden muss, der sich in seinem Schaffen beständig erfolgreich bemüht, »größtmögliche Abbilder der Gesellschaft mit den maximalen persönlichen Geschichten zu verknüpfen«, wie es sein amerikanischer Kollege und Generationsgefährte Jonathan Franzen von den zeitgenössischen Autoren und sich selbst immer wieder gefordert hat. So bestechen auch im Roman »Goetheallee« neben dem nüchtern sezierenden Blick auf das »Welttheater« und der lebendig-präzisen Figurengestaltung, die geschickt reduzierte Handlungsstruktur und ein inzwischen als Markenzeichen gehandelter verhalten ironischer, niemals verletzender Erzählton, dem man derzeit in den auf dem Markt erfolgreichen, lauthals angepriesenen Büchern eher selten findet.
Werner Rauschenbach
Jens Wonneberger. Goetheallee Roman. müry salzmann Verlag Salzburg, Wien, Berlin 2014, 19 Euro, Buchpremiere am 18. September, 19 Uhr im Literaturhaus Villa Augustin