Fotografien von Hugo Erfurth in den Technischen Sammlungen
Hugo Erfurth gilt als Dresdner Fotograf. 1874 wurde er in Halle geboren, aber die Eingemeindung ist nicht mutwillig, 1896 eröffnete er ein Fotoatelier in der Johannstadt, 1906 im Palais der Grafen Lüttichau auf der Zinzendorfstraße. 1934 zog er aus unbekannten Gründen neben den Kölner Dom und nach der Bombardierung nach Gaienhofen am Bodensee, wo 1948 starb.
Erfurth war vor allem Atelierfotograf und vornehmlich für irgendwie Prominente. Dazu gehörten Künstler aller Genres, mit denen er auch befreundet war. Für betuchte Reisende gen Residenzstadt wurde ein Termin in seinem Atelier wichtig wie eine Besichtigung des Zwingers. Erfurth hing dem Pikturalismus an, die symbolische Darstellung von Gemütszuständen oder grundlegenden Werten zu erzielen. Ästhetische Merkmale waren niedrige Konturschärfe, nebelartig zerstreutes Licht, intensive Bearbeitung der Positive, viel Retusche und Öldrucke statt Abzüge auf Fotopapier. Die Belichtungszeiten betrugen 2-3 Sekunden. Wie viel Abnabelung von der Malerei und Selbstbehauptung der Fotografie als eigenständige Kunst in diesem Konzept steckten, was in seinem gesamten Werk zu sehen ist, konnten die Kunstwissenschaftler bis heute nicht eindeutig klären. Ist letztlich auch egal, gemacht ist gemacht.
1947 wurden Alfred Döblin acht Porträts Erfurths von Malern vorgelegt, nach ihnen die Personen zu charakterisieren, die Döblin angeblich nicht erkannte: Kokoschka, Dix, Slevogt, Corinth, Zille etc. So, wie ich sie beschrieben habe, sehen sie wirklich aus, sind es aber nicht. Die Natur fühlt sich eben nicht verpflichtet, aus der Visage ein Aushängeschild zu machen. Sie macht die Physiognomie zu einem Versteck. Die Fotografen fotografieren unentwegt die Abscheu der Menschen vor dem Fotografenapparat.
Katja Dannowski fragt 2008 in einem Essay: Doch warum waren ihm gerade diese »Köpfe seiner Zeit« so wichtig? Vielleicht, weil er in ihnen den Spiegel seines eigenen Kunstschaffens gesehen hat? Oder hegte er den Wunsch nach einer eigens erschaffenen idealisierten Rangordnung der Gesellschaft? Und hat er mit seinen Aufnahmen sich selbst nicht sogar zu einem Vertreter der Elite inszeniert? Hat er seinen Erfolg nicht den vielen Aufnahmen von berühmten Menschen – oder solche die es gerne sein wollten – zu verdanken? Oder stand Erfurth eher im Schatten der glanzvollen Namen seiner Modelle?
In Köln wurden statt der oft verfemten Künstlerfreunde vornehmlich Leute der Wirtschaft und der SA abgelichtet. Erfurth bemerkte dazu, dass die Einzelpersönlichkeit keineswegs verschwunden, im Gegenteil ungleich erhöht worden (ist) in der Führerpersönlichkeit als tragender Teil des Volksganzens.
Auf einer Texttafel in der Ausstellung steht, dass Erfurth der wohl bedeutendste deutsche Porträtfotograf des 20. Jahrhunderts sei. Auch Selbstlob von Ausstellungsgestaltern stinkt; Erfurth war Mittelklasse und heute eigentlich nur noch für Spezialisten als historische Figur von Belang.
Aber darum geht es in der Ausstellung nicht. Sie zeigt Fotos, die er ohne jede Einflussnahme oder Erwartung von Kunden oder Zeitgeist machte. Wo er sich hätte austoben können! Das Ergebnis ist erbärmlich. Seine »Muse« und Gattin Helene wird an jedem Charakter vorbei drapiert und stilisiert, die Tochter auch. Schauspieler wie Erich Ponto oder Opernsänger erscheinen in ihren Bühnenposen. Aufnahmen von Volksfesten sind nicht charakteristischer als in einen Abfallkorb geguckt. Schnappschüsse, als hätte es schon Handys mit Bildfunktion gegeben.
Auf reichlich A4-Format klebte er die Bildchen, bis 19 Stück, da brauchen Leute meines Alters längst die Lesebrille, um zu sehen, ob ein Baum oder ein Gesicht fotografiert wurde. Die wenigen größeren Abzüge sind 31x15 cm. Und nirgendwo erkennbare Ästhetik oder Vorstellung von Gestaltung, weder bei Landschaft noch Personen.
Das Beste befindet sich vor der Ausstellung, eine Multivision zur Kameraproduktion in Dresden von 1907 bis 1990. Aus vielen Archiven stammen die Bilder und Szenen, vom Manufakturbetrieb bis zur Roboterproduktion. Für einen, der mit Altix anfing und bei Exakta Varex Iib landete, die ihm samt drei Objektiven gemaust wurde, und nicht nur der weiß, dass Dresden einstmals das Zentrum der Fotoapparateherstellung in Europa war – und die ganze Welt kaufte hier ein, harte Kost.
Jacob Richard
Hugo Erfurth: Das fotografische Tagebuch 1894–1930 Technische Sammlungen Dresden, bis 24. August 2014
www.tsd.de