Die Ergebnisse der Ägyptenreisen von Klee und Slevogt im Albertinum
Im Oktober 1914 wurde Max Slevogts (1868 bis 1932) Antrag, als Kriegsmaler an die Front zu gehen, genehmigt. Von seinem Aufenthalt an der Westfront kehrte er schon nach zwei Wochen ernüchtert zurück. Im folgenden Jahr wurde Slevogt zum Mitglied der Königlich Sächsischen Akademie der Künste berufen und die Dresdner Galerie erwarb 20 Gemälde, die während Slevogts Ägyptenreise von Mitte Februar bis Ende März 1914 in einem wahren Schaffensrausch entstanden waren und bis heute, von einigen Kriegsverlusten abgesehen, zum Bestandteil der Sammlung gehören. Ein paar Tage nach Slevogts Rückkehr aus Ägypten brach Paul Klee (1879 bis 1940) nach Tunis auf, um dann zur Jahreswende 1928/29 ebenfalls das Land am Nil zu bereisen. Die Arbeiten des Impressionisten Slevogt und des Bildpoeten Klee sind nun im Albertinum – neben Fotos, Dokumenten und Zeugnissen altägyptischer Kunst – erstmals gemeinsam zu sehen.
Anregungen durch fremde Kulturen und Landschaften suchten in jener Zeit viele Maler. Corinth reiste in die Campagna, Pechstein auf die Palau-Inseln, Nolde in die Südsee, Macke und Moillet entdeckten den Orient, Kokoschka fuhr nach Ägypten, die »Brücke«-Maler ließen sich von exotischen Einflüssen inspirieren. Bei Max Slevogt, der eigentlich nur ungern seine vertraute Umgebung verließ, korrespondierte das Interesse an antiker Kultur und orientalischen Märchen mit dem Rat, aus gesundheitlichen Gründen das trocken-heiße Klima aufzusuchen. Am 16. Februar 1914 traf er in Alexandria ein und hielt sich bis zum 26. März im Gebiet des Niltales auf. Ein wahrer Schaffensrausch überfiel ihn, in vierzig Tagen entstanden einundzwanzig Gemälde, dazu zahlreiche Zeichnungen und Aquarelle, ein Werkkomplex, dessen Sonderstellung er mit der fast geschlossenen Übergabe nach Dresden unterstrich. In Kairo, wo Slevogt Basare, Märkte und Museen besuchte, wurde er durch die »sinnverwirrende« Vielfalt von Farben und dem wechselnden Licht beeindruckt. Er besuchte die Kalifengräber, Gizeh, das Tal der Könige, Assuan, war fasziniert von der Wüste und der Landschaft am Nil. Es entstanden Figurenkompositionen – Bettler, Nubierfrauen oder Piraten – und Landschaften, deren weicher, fließender Farbauftrag an traumhafte Fügungen erinnern, die Glut der Sonne lassen die Grenzen von Realität und Empfindung verschwimmen. Die Eindrücke wurden unmittelbar zum Bild, etwa bei »Sandsturm in der libyschen Wüste«, als er die Leinwand gegen den heftigen Wind verteidigen musste, eine Konfrontation mit einem drohenden Naturereignis, deren Spannung im Bild sichtbar wird. Wie friedlich dagegen der »Morgen in Luxor«, eines der letzten Bilder der Reise, mit seiner durchsichtigen Klarheit des Blaus und einer Gemessenheit der Komposition, die das stille Dahingleiten des Flusses erlebbar macht. Slevogts Gemälde aus Ägypten sind »Apotheose des Lichts«, Zeugnisse einer glücklichen Schaffenszeit und Impressionen voller Lebensbejahung in einer Welt, die wenig später im Hagel der Granaten erschüttert wird.
Auch Paul Klee, seit 1920 am Bauhaus tätig, suchte in Ägypten die Weite der Landschaft, die farbige Vielfalt des Lichtes und die Geometrie der steinernen Monumente. Doch diese Eindrücke wurden bei ihm nicht wie bei Slevogt schon vor Ort auf Papier gebannt. Klee hat auf der von der neu gegründeten Klee-Gesellschaft finanzierten Reise nicht gearbeitet, doch die Eindrücke aus Kultur, Flora und Fauna, die er in Alexandria, Kairo, Luxor, Theben, Gizeh und Assuan sammelte, beeinflussten sein Schaffen nachhaltig. Es galt, die Eindrücke zu ordnen, Bildgesetzlichkeit und Fantasie zu vereinen und geheimnisvollen Zahlenbeziehungen nachzuspüren.
Das Ergebnis waren keine Impressionen, sondern, im Einklang mit den Idealen des Bauhauses, Konstruktionen. Schon bald nach seiner Rückkehr entstanden die ersten Arbeiten, die sogenannten Streifenbilder – farbige Streifen, die horizontal geschichtet und von feinen schwarzen Linien eingefasst sind und die Gesteinschichtungen der Grabkammern an den Felswänden des Nilufers aufnehmen. Manchmal treppen sich in dem gestreiften oder mosaikartigen Farbspielen von Geld, Blau, Grau und Rot Vertikalen auf, sind die Streifen gegeneinander verschoben, so dass geometrische Formen sichtbar werden, die mal – wie in »Denkmäler bei G.« oder »Necropolis« – an die Pyramiden samt Grabkammern erinnern oder Felder und Bewässerungssysteme andeuten wie in »Hauptwege und Nebenwege«. Immer geht es um die Erprobung von Bildgeometrie, um harmonische Gefüge, die einer gewissen Regelmäßigkeit unterliegen, ohne mathematisch exakt gegliedert zu sein.
Klees Bild von Ägypten mit seiner räumlichen Weite und zeitlichen Tiefe wird in diesen Schichtungen zum komplexen Symbol für die alte ägyptische Kultur und die Beziehungen des Menschen zum Universum. Auch noch Jahre später kam Klee immer wieder auf orientalische Bildthemen zurück. »Bautanz« (1930), »Kauernde arabische Frau« (1934) oder »Aegypterin« (1940) sind Belege dieser nachhaltigen Eindrücke und manchmal, wie im Gemälde »Legende vom Nil« orientieren sich die Zeichen an ägyptischen Hieroglyphen, auch wenn nun schon verstärkt Einflüsse anderer Kulturen sichtbar werden.
wonne
Nach Ägypten. Die Reisen von Max Slevogt und Paul Klee Albertinum, bis 10. August
www.sky.museum