Günter Starkes Arbeiten gedruckt und im Kraftwerk Mitte
Im Internet kann man alles finden, auch Ratschläge, was man einem Menschen zum 70. Geburtstag schenkt. »Besonders originell sind nicht jene Präsente, die sich einfach kaufen lassen, sondern Selbstgebasteltes ... oder Verse, die sich um das Geburtstagskind im Seniorenalter drehen«. »In sieben Lebensjahrzehnten hat ein Mensch manches erlebt, da finden sich sehr viele Punkte, um die herum sich einige nette Verse stricken lassen ... War er einmal Schützenkönig im Verein oder Karnevalsprinz in der Gemeinde oder seinem Stadtteil?« Nein, war er nicht, der Mann ist, und zwar Fotograf, ja, in seinem Stadtteil, doch zum Glück auch darüber hinaus. Und zum Glück sind Verse unnötig, denn der Mann hat sich selbst beschenkt, mit Silber nämlich. Silber, das ist der Titel von Ausstellung und Katalog, mit denen Günter Starke seinen 70. feiern wollte. Und vielleicht sagt es schon einiges über den Jubilar, seine Akribie, sein Understatement, dass beides erst jetzt, mit reichlich 70 wöchiger Verspätung das Licht der Welt erblickt. Nun aber ist beides da, der Katalog gibt einen umfangreichen Überblick über die fotografischen Arbeiten von 1978 bis 2014 und das Spannungsfeld zwischen Handwerk und freier Kunst, die Ausstellung findet im gerade umgebauten Kraftwerk Mitte statt, eine Retrospektive also, die sich mit einem Blick in die Zukunft der Dresdner Kultur verbindet.
Silber – dieser Titel ist auch ein Bekenntnis. Silber spielt als Bestandteil der lichtempfindlichen Schicht auf der Bildebene eine wesentliche Rolle, Silber-Fotografie, das bedeutet, man muss es der jüngeren Generation wohl heute schon erklären, analoges Arbeiten mit einem Film oder anderen Materialien.
Ja, »in sieben Lebensjahrzehnten hat ein Mensch manches erlebt«. Günter Starke hat auf dem Weg zum freien Fotografen manchen Umweg gemacht. Er war Starkstrommonteur, begann während des Wehrdienstes bei der Bereitschaftspolizei mit dokumentarischer Fotografie, wurde Ingenieur und Kulturhausleiter, dokumentierte als Auftragsfotograf die Arbeit in Industriekombinaten, ließ sich an der TU zum Fotografen ausbilden und hatte schließlich seine politischen und fotografischen Erweckungsmomente. Für Erstere bekam er die Quittung prompt und musste sein Geld fortan als Nachtwächter und Hausmeister verdienen, Letztere brachte ihm die Mentorenschaft von Evelyn Richter ein, die Folgen waren langfristiger. Die Arbeit im Pentacon-Fotoklub genügte ihm längst nicht mehr, hatte er doch nicht nur privat (mit seiner Frau Christine Starke wird er einige Projekte gemeinsam realisieren) seine Liebe gefunden: die Äußere Neustadt, die er später augenzwinkernd ein »starkes Viertel« nennen wird. Hier begann er zu fotografieren, Häuser, Läden, Straßenzüge, das Alltagsleben der Bewohner. Fotografische Erkundungen ohne technische Effekte aber mit aufmerksamem Blick und großer Akribie und Geduld. Doch das, was heute als Buch in fast jedem Neustädter Bücherschrank steht oder als Kalender an der Wand hängt und ihn als Chronisten des letzten DDR-Jahrzehnts in der Neustadt bekannt gemacht hat, entsprach zunächst noch nicht den Vorstellungen seiner Mentorin. So entstand das »Hausbuch«, das erste große Projekt, dem bald Serien über Familien in ihren Wohnungen und Handwerker, Händler und Künstler in ihren Werkstätten, Läden und Ateliers folgen sollten. Das Haus Martin-Luther-Straße 37 wurde dokumentiert, vom Keller bis zum Dachfirst, mit jedem Detail, jedem Bewohner, entstanden ist ein aufwendig gebundenes Kompendium mit ausklappbaren Seiten. Aufnahmen die in ihrem Seriencharakter etwas erzählerisches haben, einer verschwundenen Transzendenz nachspüren und frei von Nostalgie sind, ein virtueller Gang durch ein Gründerzeithaus, den nicht nur Evelyn Richter gelten ließ. Der Verband Bildender Künstler der DDR nahm Günter Starke auf, das war im September 1989, auch damals kam er schon etwas zu spät, kurz darauf löste sich der Verband auf.
Im nächsten Monat lernte Günter Starke seine ehemaligen Kollegen von der Polizei neu kennen. »Haltestelle« hieß eine Fotoaktion im öffentlichen Raum. Der Fotograf hatte den Zustand der öffentlichen Bänke und der Haltestellen des Nahverkehrs dokumentiert und die 200 Fotos dann auf den Boden der Haltestelle am Dr.-Külz-Ring geklebt. Die Aufnahmen waren kein Ruhmesblatt für die Stadt in einem Land, das gerade unterging und doch noch einmal pompös seinen 40. Jahrestag feierte. Das war am 5. Oktober 1989, die »Ausreisezüge« hatten gerade den Hauptbahnhof passiert, die Straßen waren voll, die Stimmung aufgeladen. Polizei rückte an und Leute, die gerade von den Feierlichkeiten zum Republikgeburtstag kamen, beschimpften die Künstler als Staatsfeinde und Hetzer. Die Situation eskalierte, die Bilder wurden zerstört, Starke dokumentierte auch das mit Kamera und Tonband und zeigte das Ergebnis gemeinsam mit den Resten des Bilderteppichs auf der 12. Bezirkskunstausstellung. Aktueller kann Kunst nicht sein.
Ausstellung und Katalog zeigen die Vielseitigkeit des Fotografen Günter Starke, der durch die Popularität seiner Neustadt-Fotos oft nur sehr eingeschränkt wahrgenommen wird. Da finden sich eine Dokumentation zur Ausstellung »Limes« in der Galerie Mitte mit Maja Nagel und Holger Herrmann oder die Porträts von Freunden und Weggefährten. Nachempfunden wird das soziale und pädagogische Engagement des Fotokünstlers, der immer wieder auch mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeitete, etwa im Projekt »Die sieben Schöpfungstage«, eine Arbeit die Bibeltexte der Schöpfungsgeschichte visualisiert und die Günter Starke als Lehrer am esb mediencollege mit seinen Schülern realisierte. Durch die Installation »Gen 3« – eine als deutsch/französisches Projekt realisierte künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Gentechnik – oder der Mitarbeit bei der Gestaltung der »3. Ars Baltica Triennale der Photokunst« wird deutlich, wie Günter Starke auch internationales Parkett betrat.
Die deutlichste Bewegung von der sozial engagierten, dokumentarischen Fotografie hin zur freien Kunst wird beim Projekt »Syrinx und ihre Schwestern« deutlich. Inspiriert von den Nymphen-Erzählungen der klassischen Antike entstand eine Mischung aus Akt- und Naturfotografie, die die Rückverwandlung der Nymphen in die Gestalt ihres natürlichen Herkunftsortes in poetischen Bildern nachempfindet. In der Ausstellung sind diese Bilder nicht zu sehen, dafür aber zeigt Starke zwei Arbeiten, mit denen er auch die technischen Möglichkeiten der sogenannten Körperdrucke auslotet: »Adam und Eva« und »Die heilige Familie«. Gedruckt auf Fotoleinwand oder Fotofolie, ein mal zwei Meter groß, sind sie eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Darstellung des Menschen in der Kunstgeschichte, praktiziert als Hommage à Yves Klein bzw. Albrecht Dürer, dessen im Holzschnitt sichtbare Plastizität Starke auf die Fotografie zu übertragen sucht.
Während im Kraftwerk Mitte die Rückschau auf fast drei Jahrzehnte fotografischer Arbeit zu sehen ist, macht sich der Fotograf noch ein Geschenk: Pünktlich zur Ausstellung erscheint neben dem Katalog der Fotoband »Offene Türen. Wohnen und Leben in der Dresdner Neustadt 1978-1994« – diesmal also weit vor dem nächsten runden Geburtstag.
wonne
Günter Starke: Silber Kraftwerk Mitte, Halle 11, 9. Juni bis 30. Juli, Dienstag bis Donnerstag 16 bis 19 Uhr, Freitag und Sonnabend 14 bis 20 Uhr
Der Katalog ist im Kunstblatt-Verlag erschienen, 29,95 Euro
»Offene Türen«, Mitteldeutscher Verlag Halle
www.kunstblatt-verlag.de