Wohin mit der Schönheit?

Zum 20-jährigen Bestehen der Sächsischen Akademie der Künste

Vor 20 Jahren wurde in Dresden die Sächsische Akademie der Künste mit ihren Klassen Bildende Kunst, Baukunst, Darstellende Kunst, Literatur, Sprachpflege sowie Musik gegründet. »Bei ihr handelt es sich um eine Institution, die sich zur Aufgabe gemacht hat, an der kulturellen Identität Sachsens mitzuarbeiten«, so der Kurator der aktuellen Ausstellung der Sparte Bildende Kunst in der Städtischen Galerie Dresden, der Berliner Kunsthistoriker Thomas Deecke. Vom Präsidenten Wilfried Krätzschmar wird die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung immer wieder betont und mit einem Appell an das sächsische Kunstministerium die prekäre Lage der Akademie herausgestellt und bedauert. Dieses Jubiläum dient vor allem der Öffentlichmachung der Notwendigkeit der Sächsischen Akademie der Künste im kulturellen Leben der Stadt und des Landes, nicht nur als repräsentativer, sondern vor allem auch als integrativer, impulsgebender Faktor. Neben der Ausstellung mit 28 KünstlerInnen aus Sachsen sowie ihren korrespondierenden Mitgliedern aus Dänemark, Österreich, Polen, Tschechien und Ungarn werden sich die anderen Klassen in zahlreichen begleitenden Programmen darstellen.

Die Ausstellung in der Städtischen Galerie läuft unter dem weit gefassten Motto »Wohin mit der Schönheit« und wirft grundlegende künstlerische Fragen auf, die sich angesichts der rasanten gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen und kulturpolitischen Entwicklung stellen. »Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet«, heißt es philosophisch schon bei dem Dichter Christian Morgenstern. Das deutet zugleich an, wie subjektiv ihre Bestimmung ist und wie sie von moralischen, historischen und sozialen Umständen geprägt wird. Natürlich gibt die Natur mit ihren Gestaltungen (zum Beispiel der DNA) das Schöne bereits vor. Die perfekte Schönheit in der Bildung eines Libellenflügels bezaubert den strengsten Atheisten. Aber es gibt in der Geschichte der Kunst auch Beispiele, bei denen der Gedanke an die vollkommene Schönheit sich zum Wahnwitz überspitzt hat, wie es Lutz Dammbeck mit seiner Filmcollage »Zeit der Götter« (Video, 1992) demonstriert: Am Beispiel von Arno Brekers bildhauerischem Lebenswerk demonstriert er dessen Missbrauch durch die NS-Diktatur in überdimensionalen Architekturen, wie die geplante Megametropole »Germania«, bei der die antikisierende Schönheit der Figur zur Farce und zur Demagogie wird. »Lutz Dammbecks Filme haben unsere Vorstellung davon, was das Politische in der Kunst sein könnte, verändert« (M. Flügge).

Jiri Valoch (geb. 1946 in Brno) beschränkt sich auf minimale Strukturen und die Schönheit von wenigen Strichen mit dem Bleistift auf leerem Papier. Neben seiner »Dresdner Plastik« (2008) splittert und variiert Michael Morgner in einer Serie von Radierungen mit Tuscheüberzeichnungen den existenziellen Satz »Ich kann nicht mehr«. Ulrich Lindners analoge Fotografik beschäftigt sich mit Versailles, dem Schloss und dem Park, in einer fotografisch verfremdeten Fassung des Foto-Negativs auf der Suche nach den Wurzeln des Schönen. Mit ihrem Ölbild »Landschaft in Oberbayern« (2011) hat Gerda Lepke ein Bild geschaffen, das ganz von der Schönheit des Hochgebirges erfüllt ist. Schönheit besteht eben für den Maler nicht im Konsum, sondern in der Kontemplation des Wirklichen, der Schau der Natur und des Menschen unisono, hier im Flimmern der Farben und den sich vage abzeichnenden Konturen. Ebenso anregend schön ist Sophia Schamas Ölbild »Spaziergang« (2015) mit seinem Spiel von Fülle und Leere, Nähe und Weite, floraler Dichte und Himmelsweiß. Die Fotografikerin Gundula Schulze Eldowy hat Fotos von byzantinischen Ikonen mit Blattgold belegt und so die Historie mit der Gegenwart über die Formel des Schönen und Wertvollen verbunden. Schließlich gewinnt die Fotografin Evelyn Richter mit ihren Schwarz-Weiß-Bildern der DDR-Realität eine feine Note der Echtheit und Unverstelltheit ab, die wir heute in ihrer Klarheit als ästhetischen Genuss empfinden.

Schönheit kann sich auch in einer malerischen Schlichtheit mit zwei Grundfarben und Ritzungen zeigen, wie in Osmar Ostens beiden Bildtafeln »nicht bunt« und »o.T.« (2014), in denen mit minimalen Mitteln versteckte Botschaften transportiert werden, die in ihrer freundlichen Naivität überzeugen. Ralf Kerbach thematisiert den Menschen im Porträt, altmeisterlich geprägt, in fast kargen und stoischen Bildnissen, mehr dem Inneren seiner Modelle zugewandt und in einer oft fragend und verhalten vorgetragenen Attitude. Kraftvoll und überdimensioniert dagegen ist das Bildnis »Lis V« (1998) von Cornelia Schleime, ein weibliches Brustbild mit exaltierten und aufregenden Farben, stark pastos und sinnlich aufgetragen, herzhaft schön.

Auf die vorangestellte Frage »Wohin mit der Schönheit?« kann man nur antworten, »in die Köpfe, in die Herzen der Menschen und möglichst in alle Dinge, die unter ihren Händen entstehen«. Immer wieder vergeht sie, »denn sie bezieht einen wesentlichen Teil ihrer Kraft aus der Vergänglichkeit« (H. Hesse). Die Schönheit ist das plötzliche Erwachen der Wirklichkeit zu einer Harmonie aller ihrer Einzelheiten, die sich glückhaft in uns spiegelt, ein Zustand, in dem innen und außen eins werden. Also ein spiritueller Vorgang. Wenn Kunst das möglich macht und uns unsere bereiten Herzen öffnet, hat sie vielleicht alle Kriterien des Schönen erfüllt.
Heinz Weißflog


Wohin mit der Schönheit. Ausstellung zum 20-jährigen Bestehen der Sächsischen Akademie der Künste
Städtische Galerie Dresden, bis 18. September 2016
www.galerie-dresden.de