Una und Ray

Wechselnde Sympathien und starkes Unwohlsein

Eine 13-Jährige wird von ihrem über 30 Jahre alten netten Nachbarn verführt, vor der geplanten gemeinsamen Flucht verschwindet er. Fünfzehn Jahre später steht plötzlich eine schöne Frau im Büro des Mannes, der sich nach einer vierjährigen Haftstrafe unter neuem Namen eine neue Existenz geschaffen hat als liebender Familienvater im heimeligen Einfamilienhaus. Una will wissen, warum Ray sie verlassen hat, ob sie das einzige Mädchen war oder nur eines von mehreren. Die Vergangenheit holt beide ein.

Der in Reykjavik lebende australische Opern- und Theaterregisseur Benedict Andrews wagt sich auf dünnes Eis, er entschuldigt das Verhalten des Mannes nicht, verurteilt ihn aber auch nicht in Bausch und Bogen, zeigt die psychischen Folgen für die Missbrauchte. Er dreht den Lolita-Mythos um, erzählt nach David Harrowers Broadwayerfolg »Blackbird« von 2005 die schmerzhafte Geschichte aus der Sicht des Opfers, das die Scherben seines verpfuschten Daseins zu einem Ganzen fügen will. Bruchstückhafte Erinnerungen prallen mit der Gegenwart zusammen, langsam setzen sich die Ereignisse des schicksalhaften Sommers zu einem irritierenden Mosaik zusammen.

Die Aufarbeitung dessen, was geschah, nimmt in einem labyrinthischen Warenhaus unerwartete Wendungen. Wenn Una irgendwie glaubt, diesen Typen immer noch zu lieben, der davon schwafelt, beide hätten doch die Risiken gekannt, möchte man am liebsten wütend aus dem Kino stürmen, aber dann bleibt man doch hängen an Rooney Maras Gesicht, auf der sich die nie heilende seelische Wunde spiegelt, es tut weh zu sehen, wie sie Ben Mendelsohn als Mr. Jedermann anschreit und anfleht, immer gefangen in ihrem emotionalen Trauma. Beim kühnen Spiel mit wechselnden Sympathien und dem moralischen Verständnis bleibt dennoch ein starkes Unwohlsein.
Margret Köhler

Una und Ray
Kanada/Großbritannien/USA 2016, Regie: Benedict Andrews
Zu sehen im Thalia (OmU)
www.weltkino.de