Trockenschwimmen
Über Mut, Wagnisse und die Magie des Willens
Die Wellen schlagen sanft gegen die Waden, der Sand unter den Füßen ist weich und eine dünne Salzschicht umschließt den Mund. Sommer, Sonne und das weite, tiefe Meer. Schritt für Schritt verschwindet der Körper in der Unendlichkeit der See, dann verliert man den Boden unter den Füßen, intuitiv macht man die altgewohnten Bewegungen und schwimmt in die Ferne. Die Erinnerung an die Kindertage, an denen man so mühsam sich mit dem Wasser vertraut gemacht hat und mit Schwimmflügeln die ersten Bahnen gezogen hat, sind längst verblasst. Schwimmen, das ist wie Laufen, denkt man, und lässt sich von den Wellen davontreiben.
Doch Karin hat Angst – Angst vor dem kalten Nass. Ihre Hände krallen sich in den Schwimmbeckenrand, ihre Füße tasten hilflos nach etwas Sicherheit. Das Loslassen fällt ihr schwer, ihr Atem wird schneller, sie spricht sich selbst immer wieder Mut zu, dann lässt sie angespannt los und treibt, dank des Schwimmgürtels, für einen kurzen Moment im nach Chlor riechenden Wasser. Dann macht es im Kopf wieder Klick und die Angst wieder da ist. Die Angst davor, wie ein Stein auf den Grund des Beckenbodens zu sinken. Karin ist eine von vielen, die nie gelernt hat zu schwimmen. Doch damit soll jetzt Schluss sein: Zusammen mit sechs anderen Senioren zwischen 64 und 74 wagt sie sich in die Untiefen einer Leipziger Schwimmhalle, um sich ihren Ängsten zu stellen.
Filmemacherin Susanne Kim begleitet die bunt gemischte Seniorengruppe bei ihrem zehntägigen Schwimmcrashkurs, nähert sich den Lebensgeschichten und Erinnerungen ihrer Protagonisten auf liebevolle, behutsame, aber auch artistische Art und Weise an und vereint alles in einem beeindruckenden Dokumentarfilm über Männer und Frauen, Generationenunterschiede, das Älterwerden und sieben inspirierende Persönlichkeiten, die sich nicht von ihrem Ziel abbringen lassen. „Schwimmen lernen heißt Leben lernen“, sagt Monika, die irgendwie an den Glanz vergangener Tage erinnert und sich im Prozess des Lehrgangs immer wieder selbst überwindet, um Stück für Stück ihrem Traum näherzukommen. Es ist nie zu spät, etwas Neues zu wagen, denn auch im Alter lernt man nicht aus.
„Trockenschwimmen“ ist nicht einfach nur ein Film über das Schwimmenlernen, sondern vielmehr eine Projektion der Herausforderungen und Sehnsüchte des Lebens; ein Film über Mut, Wagnisse und die Magie des Willens, mit der man Berge versetzen kann. Die sinnlich und filmisch eindrucksvolle Dokumentation konfrontiert den Zuschauer mit seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen, mit seinen Ängsten und Unsicherheiten, zeigt aber auch, dass man mit Freude und Humor fast alles meistern kann, wenn man sich nur traut. Mit „Trockenschwimmen“ springt Susanne Kim selbst ins kalte Wasser und beweist Mut, sich treiben zu lassen.
Felicitas Galniat
Trockenschwimmen, Deutschland 2016; Regie: Susanne Kim
Mit Manfred, Monika, Karin, Erika, Eun-Sook, Sigrid und Cevat
Zu sehen im Kino in der Fabrik und im Kino im Dach
www.trockenschwimmen.de
