LION – DER LANGE WEG NACH HAUSE

Eine Odyssee der großen Gefühle

Saroo Brierleys Lebensgeschichte schrie förmlich nach einer Hollywoodverfilmung. Als fünfjähriger Junge landet er durch missliche Umstände tausende Kilometer weit entfernt von seinem Heimatort in der indischen Großstadt Kalkutta. Mutterseelenallein und verloren rennt er in den Straßen der indischen Metropole um sein Leben, bis er in einem Waisenhaus aufgenommen und von einem australischen Paar adoptiert wird. Behütet wächst er in Tasmanien auf und führt ein außerordentlich normales „westliches“ Leben, bis er sich als erwachsener Mann mithilfe von Google Earth auf die Suche nach seiner Vergangenheit und seiner indischen Familie macht.

 

Es ist eine bewegende Geschichte über das wahre, harte und trotzdem wundervolle Leben, über globale gesellschaftliche Probleme, die Mannigfaltigkeit von mütterlicher Liebe und einem kleinen verlorenen Jungen, welcher sich durch die Höhen und Tiefen des Lebens mit einer so verblüffenden Energie kämpft, dass er ein Happy End mehr als verdient hat.

All dem auf der Leinwand gerecht zu werden, ist eine Herausforderung an sich, welche Regisseur Garth Davis originell und solide meistert. Mit „Lion“ liefert er einen sehenswerten und guten Film ab, welcher zwar einer Oscar-Nominierung würdig ist, jedoch nicht einem Award als „Bester Film“.

Das Werk überzeugt mit einer atemberaubenden, facettenreichen, liebevoll gefilmten und auch musikalisch grandios untermalten ersten Hälfte und einem ebenbürtigen rührenden Ende. Im Vergleich dazu wirkt der Mittelteil nicht nur dramaturgisch, sondern auch figurativ etwas trocken und langwierig. Der Wechsel zwischen den farbintensiven Aufnahmen aus dem indischen Leben und dem eher kühlen australischen Pendant, zwischen dem kleinen Überlebenskämpfer und dem privilegierten erwachsenen Mann, kommt auf keinen Fall unverhofft, jedoch etwas enttäuschend. Dabei spielt Dev Patel, der den erwachsenen Saroo verkörpert, durchaus überzeugend. Er hangelt sich elegant durch die zweite Hälfte des Filmes und verleiht seiner Performance am Ende eine emotionale Authentizität, welche sehenswert ist. Auch Nicole Kidman verkörpert die Rolle der Adoptivmutter Sue Brierley nicht nur stilsicher, sondern auch glaubhaft und mitreißend. Doch beide stehen schlicht weg im Schatten des eigentlichen Stars des Filmes: Sunny Pawar. Dieser porträtiert den fünfjährigen Saroo mit einer so überzeugenden kindlichen Ehrlichkeit, dass alle Szenen ohne ihn etwas durchschnittlich erscheinen.

„Lion“ ist eine Odyssee der großen Gefühle, mit einer überdurchschnittlich starken ersten Hälfte, einem tränenrührenden Ende und einem etwas zu kurz gekommenen Mittelteil.
Felicitas Galinat

 

Lion – Der lange Weg nach Hause USA/Australien/GB 2016; Regie: Garth Davis
Mit Sunny Pawar, Dev Patel, Nicole Kidman und Rooney Mara
Zu sehen im CinemaxX sowie am 21. und 28. Juni im UFA-Palast
www.lion-film.de