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Fünf Vier Sterne für Dresden
Warum wer gewinnt, warum wer verliert
Am 10. Juni wird ein neuer oder weniger neuer Oberbürgermeister gewählt.
Wenn man die Wahlaussagen und Programme liest, stimmt es traurig, dass
nur einer das Amt übernehmen kann. Eine Fünffaltigkeit in Personalunion
wäre eigentlich wünschenswert. Was nicht meint, das durch Wahlverweigerung
Dresden seinen Ruf als demokratiemüde Stadt weiter festigen sollte.
Wenn man sich schon keinen Wunschkandidaten basteln kann, gibt SAX zumindest
eine Entscheidungshilfe. SO oder so.
Friederike Beier gewinnt,
weil …
… sie das Beste für Dresden und Arbeitsplätze schaffen
will. Die 57-jährige Ärztin und Psychotherapeutin personifiziert
auf fast schon rührende Weise jene mitmenschliche Perspektive von
unten, die aus den Zeiten des Aufbruchs ’89 vielleicht noch in ferner
Erinnerung ist. »Ein gastfreundliches Dresden, in dem Menschen gerne
leben, arbeiten und feiern und sich mit ihrer Stadt identifizieren können.«
Oder: »Die Menschen begegnen sich partnerschaftlich und überwiegend
selbstverantwortlich für ihr eigenes Leben.« »Mit Herz
und Verstand« – so etwas Warmes liest man sonst in keinem Kommunalwahlprogramm.
»Miteinander statt Gegeneinander«, auch im Stadtrat oder bei
Behörden, gar eine »frische produktive Arbeitsatmosphäre
auf der Basis gegenseitiger Achtung!« Manche kennen die einzige
Kandidatin noch unter dem Namen Koehn. Was sie beim Nordbad, beim Kinderspielplatz
Böhmische Straße, bei Wohnprojekten oder der Sanierungskommission
Neustadt schon leistete, will sie sinngemäß als OB fortsetzen:
Bürgerbeteiligung bei allen Vorhaben, Einführung eines Senioren-
und eines Arbeitslosenbeauftragten. Ein dezernatsübergreifendes Expertengremium
will sie einrichten, vermisst überhaupt ein ganzheitliches Konzept
für Dresden. Mammutprojekte wie die Waldschlösschenbrücke
zerstörten genau die Landschaft, derer sich Dresden rühmt. Erst
mal Vorhandenes pflegen, bevor extensiv geplant wird. Spitzenkunst wächst
aus Breitenkultur, Spitzensport bedingt Breitensport, Friederike Beier
setzt nie zuerst bei den Eliten an. Und so gern sie als ehemalige Turnerin
eine Olympia-Bewerbung unterstützen möchte, so realistisch muss
sie diesen Größenwahnsinn doch fallenlassen. Solch rationale
Prüfung soll übrigens für alle Projekte gelten. Und so
natürlich die resolute Frau selbst wirkt und ihr Programm klingt,
für moderne Biotechnologien ist sie doch.
Friederike Beier verliert,
weil …
… sie lieber auf Popularität verzichtet, wenn es um die Sache
geht. Halbherzige Beschlüsse mag sie nicht als Erfolg verkaufen,
wird unprofessionell misstrauisch gegen eigene Versprechen. Nicht einmal
die Parteidisziplin bei Fraktionszwängen will sie hinnehmen. Und
dann kennt sie natürlich keiner und sie kennt nicht die Richtigen,
nicht Herrn Biedenkopf und nicht die virtuelle Wirtschaftsregierung, mit
der man halt speisen muss und der man ein paar Filetgrundstücke oder
800 Millionen rüberschieben muss, damit sie vielleicht ein paar Mark
Steuern hier lassen. Und vor allem fehlten ihr zuletzt noch 50 von den
notwendigen 240 Unterstützungsunterschriften …
Ronald Galle gewinnt, weil …
… er das Beste für Dresden und Arbeitsplätze schaffen will.
Zum Beispiel durch die Transrapid-Anbindung Dresdens, die zehntausende
hochbezahlter Industriejobs bringen würde. Man solle sich nur an
die ruhmreiche Wirtschaftshistorie der Stadt erinnern, an die Pionierleistung
der Eisenbahn Leipzig-Dresden zum Beispiel. Die Magnetschwebebahn könnte
auch gleich weiterfahren, durch das große Tor zum Osten, das Dresden
zweifellos darstellt. Denn aus dem Osten kommen künftig (und kamen
schon immer) Licht und Heil, und bei uns säße die ganze Zulieferindustrie.
Die erwähnten Jobs wären solche für Jugendliche, motivierend,
attraktiv und nicht so geisttötend wie Dienstleistungen. Deshalb
würde er am ersten Amtstag sogleich Präsident Putin einladen
und mit ihm einen neuen Rapallo-Vertrag schließen. Galle spuckt
Galle gegen Staus aller Art, gegen solche bei Investitionen, solche bei
Spatenstichen an der Waldschlösschenbrücke und solche bei Gefühlen.
Darum würde an Schulen der Instrumentalunterricht für mindestens
eine Wochenstunde Pflicht, Ballett als Mittelding zwischen Sport und Kunst
fakultativ angeboten. Ebenso Schach als Zwitter zwischen Sport und Geist.
Sport überhaupt sei persönlichkeitsbildend und gehört daher
als Breitensport kräftig gefördert. Leistungssport hingegen
solle auf wirtschaftlich bessere Zeiten warten, die mit Ronald Galle anbrechen
werden. Kommerzialisierung im Sport, ja sogar die Privatisierung von Sportstätten
lehnt er entschieden ab. Finanzieren will er das alles durch staatliche
Kreditschöpfung. Wenn es schief geht, kann er gar nicht schuld sein,
weil das Weltfinanzsystem sowieso kollabiert. Dafür will er aber
als OB kräftig Einfluss auf die Bundespolitik nehmen. Mit den Bürgern
im Rücken, denn »alles durch das Volk, alles für das Volk!«
Ronald Galle verliert, weil …
… er sich frei nach Platon so lange für den geeignetsten Kandidaten
hält, bis ein Besserer gefunden wurde. Außerdem hat er nicht
klar erklärt, ob er Dresdens Kolonialpolitik fortsetzen und seinen
Wohnsitz Radebeul endlich eingemeinden will. Noch außerdemer tritt
der Fernmeldeingenieur für eine »Bürgerrechtsbewegung
Solidarität« an, die vor allem »Rechts« und »Bewegung«
ist, weniger schon bürgernah und schon gar nicht solidarisch. Zum
Beispiel nicht mit der »Hippie-Kultur«, die auf gar keinen
Fall gefördert und stattdessen dem freien Markt überlassen werden
sollte. Städtische Förderung solle der »klassischen Kultur«
vorbehalten bleiben. Galle hat sich zwar als erster Kandidat einschreiben
lassen, aber im christlichen Abendland werden die ersten bekanntlich die
letzten sein.
Ingolf Roßberg gewinnt,
weil …
… er das Beste für Dresden und Arbeitsplätze schaffen will.
Letztere erwartet er allerdings nicht nur von den hochsubventionierten
Großunternehmen, sondern vor allem vom Mittelstand, dem er einen
eigenen Beirat einrichten will. Ebenso eine Art Wirtschaftsstammtisch
beim OB. Ein Kennzeichen des »Neuen Stils«, den Roßberg
pflegen will: Das Gläserne Rathaus mit regelmäßigen Bürgerforen
und transparenten Verwaltungsvorgängen. Der Stadtrat soll aufgewertet
werden und sich zu fraktionsübergreifender Einigkeit zumindest gelegentlich
aufraffen, wie das beim Gemeinderat auf’m Dorf längst üblich
ist. Bürger sollen aber auch direkt stärker mitreden können.
Zum Beispiel dadurch, dass das von der CDU hochgesetzte Quorum für
Bürgerbegehren auf 5 Prozent gesenkt wird.
Abgeschaffte Beauftragte könnten zurückkehren, einer für
Europafragen hinzukommen. Dezentrale »Ortssozialdienste« sollten
ein ortsnahes soziales Betreuungsangebot sichern. Viel ist bei ihm von
Teamwork die Rede, andererseits fällt auf, dass Roßberg beinahe
alles zur Chefsache machen will. Von den Wirtschaftskontakten über
das Verkehrskonzept bis zur Schulsanierung. Verkehr ist schließlich
Roßbergs Lieblingsthema, weil er dieselbe Wissenschaft hier studierte
und vier Jahre Erfahrung als Dresdner Stadtentwicklungsdezernent mitbringt.
»Integriertes Verkehrskonzept« heißt das Zauberwort,
also nicht nur Auto, aber zähneknirschend doch die Waldschlößchenbrücke.
Die Überlebenswahrscheinlichkeit von Radfahrern soll sich in Dresden
jedenfalls erhöhen.
Ein eigenständiges Umweltdezernat soll bleiben, die fast vergessene
Agenda 21 wiederbelebt werden. Jugendarbeit allgemein und nicht nur Unionsnachwuchsförderung
hätten wieder etwas zu hoffen. Auch Kulturleute, mit denen Roßberg
schon öffentlich diskutierte, erwarten nicht einmal in erster Linie
einen Stop der Dauerkürzungen, sondern vor allem mehr Sensibilität
bei der Führungsspitze einer Kunst- und Kulturstadt von ihm. Hoch-
und Basiskultur sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden, Mehrjahresverträge
wie bei der Jugendarbeit Sicherheit bieten. Bis 2006 soll der Umbau des
Kulturpalastes endlich angepackt sein, das beschlossene Kongreßzentrum
am Elbufer stehen. Wie das alles zu bewerkstelligen sei? »Roßberg
kann’s«, behaupten sein Programm und die ihn unterstützende
Bürgerinitiative. Immerhin 253 anerkannte Unterstützungsunterschriften
waren derselben Meinung und dürften zu seinen sicheren Wählern
gehören!
Ingolf Roßberg verliert,
weil …
… er vor weiteren Versprechungen zunächst einen Kassensturz
angekündigt hat. Denn die Dresdner lieben mehr den schönen Schein
als die rauhe Wirklichkeit. »Mangelware ist nicht Geld, sondern
Geist«, sagt er, aber es ist schon so viel Geist mangels Geld vertrocknet
… Wenn die Nettoneuverschuldung wirklich vom kommenden Jahr an auf
Null gedrückt werden soll und Haushaltkonsolidierung im Vordergrund
steht, könnten teure Großtraumprojekte wackeln. Mit dem Modell
»Konzern Stadt« haben möglicherweis linke Unterstützer
Schwierigkeiten. Vielleicht mag auch die wahlberechtigte Ommma den manchmal
nassforschen Heißsporn weniger, als den jeden niederlächelnden
phlegmatischen Amtsinhaber. Vielleicht fällt auch im zweiten Wahlgang
FDP-Kollege Jürgen Möllemann überraschend per Fallschirm
vom Kandidatenhimmel, damit Roßberg in Wuppertal bleibt.
Kornel Szecsenyi hätte gewonnen, weil …
… er das Beste für Dresden und Arbeitsplätze schaffen wollte.
Denn sein Ziel war »der Aufstieg Dresdens zu einer Weltstadt von
internationalem Ruf«. Dieser Ruf soll weniger von einigen bombastischen
Vorzeigeevents kommen, sondern von einer lebenswerten Stadt als Ganzes.
Kernstück war für den 24-jährigen Arbeitslosen dabei eine
völlige Neukonzeption der Stadtentwicklung, insbesondere des Verkehrskonzeptes.
Umsteigen auf den ÖPNV soll leichter werden, wenn der Nahverkehr
kostenlos genutzt werden kann. Verkehrsvermeidung hieße vor allem,
künstliche Mobilität hin zu Einkaufszentren und den Wohn-Speckgürteln
am Stadtrand überflüssig zu machen. Während das Auto wieder
»Freizeit- und Spaßobjekt« werden soll, bekäme
die Stadt ein zweistufiges Radwegenetz. Mit Fahrradpools, an denen für
fünf Mark überall ein Rad ausgeliehen werden kann. Intelligente
Ampelanlagen, P+R-Plätze am Stadtrand und lediglich Anliegerverkehr
innerhalb des 26-Rings sind weitere Vorhaben Szecsenyis, während
der Bau der A17 und die Waldschlößchenbrücke gestoppt
werden sollten. Obschon selbst noch nicht Papa, hat er doch ein Herz für
Kinder. Die sollten mehr Spiel-Raum in der Stadt finden. Kita-Gebühren
gehörten kräftig gesenkt, Kürzungen in der Jugendarbeit
müssten zurückgenommen werden. Gegen NPD-Aufmärsche hat
sich der Kandidat gerade im Mai wiederholt gewandt. Szecsenyi und seine
kleine BI beanspruchen viele originäre Ideen für sich, die andere
Kandidaten nur abgeschrieben hätten. In der »grauenhaft anmutenden
politischen Dresdner Landschaft« wollen sie sich gerade nicht dauernd
ins realpolitische Korsett zwängen lassen und unbefangen weiterdenken.
Arbeitlos ist Szecsenyi übrigens deshalb, weil ihn die Stadt beim
Umbau der städtischen Versorgungsbetriebe entließ. Als gelernter
Ver- und Entsorger hofft er nun vor allem auf eine Entsorgung der bisherigen
Stadtspitze. Sollte er neuer OB werden, könnte sich Dresden erst
einmal auf eine dreinächtige Riesenparty freuen.
Kornel Szecsenyi verliert, weil …
… nee, wie der schon heißt, das kann man ja kaum buchstabieren,
und der Vater war Ungar, da kann sich ja jeder seine Gastarbeiterstory
ausdenken. Viel zu jung, das Kerlchen, hat ja selbst gesagt, dass er sich
nicht unbedingt für den geeignetsten Kandidaten hält, weil es
ja wirklich nicht schwer sei, aus Wagners Schatten zu treten. Wirtschaftsförderung
interessiert ihn nicht, die machten sowieso ihr Ding, weil sie ja Profite
machen wollten. Und Zugeständnisse an die barmherzigen Großinvestoren
will er auch keine mehr machen, wer, so muss man fragen, interessiert
sich dann noch für Dresden? Und wie will der denn repräsentieren,
was ja schließlich das wichtigste an einem Operbürgermeister
ist, hat ja nicht mal eine Frau zum Tunnelweihen und Krankensegnen. Kein
Wunder, dass er nicht mehr als 86 Unterschriften zusammenbrachte.
Herbert Wagner gewinnt, weil
…
… er das Beste für Dresden und Arbeitsplätze schaffen will.
Denn Dresden ist jetzt schon Spitze im Osten und soll unter die zehn wirtschaftsstärksten
deutschen Großstädte aufrücken. Man muss nur so weitermachen
wie bisher. Bei der Gewerbeansiedlung, bei der Jugendförderung, bei
der Kinderfreundlichkeit, in der Kulturpolitik. Für die Schulsanierung
gibt es einen Vierzigjahresplan, Altenheime und Krankenhäuser sind
schon perfekt. Dresden ist bereits ein »Mieterparadies«. In
Kürze bekommt es noch mehr von den architektonischen Höchstgelungenheiten
in den Baulücken der Innenstadt und vor allem einen Neumarkt aus
dem Löffler. Wagner träumt von einem »quirligen Geschehen«
in einer wiederbelebten Innenstadt. Dresden wird zur »Mobilen Stadt«
– mit A17, Waldschlösschenbrücke und Königsbrücker
Stadtautobahn steht die Lösung aller Verkehrsprobleme unmittelbar
bevor. Im Sport will Wagner »alle Kräfte bündeln«,
Kultur ist dazu da, Investoren und Touristen anzulocken. Kontinuität
auch bei der Fortsetzung seines »kooperativen Führungsstils«,
»erfolgreich und ehrlich«, wie er nun einmal ist. Selbst Wolfgang
Berghofer hält Herbert Wagner für einen »anständigen
Menschen«. Mit niemandem hat er es sich bislang verderben wollen,
nicht einmal mit den marschierenden Glatzen. Und sollte er einmal nicht
genau wissen, wo es lang gehen soll, so dies doch mit ganzer Kraft. Außerdem
kann er auf prominente Unterstützung im Wahlkampf bauen: Hans-Jochen
Vogel, Erwin Teufel, Angela Merkel und am 9.Juni Kurt Biedenkopf.
Herbert Wagner verliert, weil
…
… er das Beste für Dresden und Arbeitsplätze schaffen will.
Denn Dresden ist jetzt schon Spitze im Osten und soll unter die zehn wirtschaftsstärksten
deutschen Großstädte aufrücken. Man muss nur so weitermachen
wie bisher. Bei der Gewerbeansiedlung, bei der Jugendförderung, bei
der Kinderfreundlichkeit, in der Kulturpolitik. Für die Schulsanierung
gibt es einen Vierzigjahresplan, Altenheime und Krankenhäuser sind
schon perfekt. Dresden ist bereits ein »Mieterparadies«. In
Kürze bekommt es noch mehr von den architektonischen Höchstgelungenheiten
in den Baulücken der Innenstadt und vor allem einen Neumarkt aus
dem Löffler. Wagner träumt von einem »quirligen Geschehen«
in einer wiederbelebten Innenstadt. Dresden wird zur »Mobilen Stadt«,
mit A17, Waldschlösschenbrücke und Königsbrücker Stadtautobahn
steht die Endlösung aller Verkehrsprobleme unmittelbar bevor. Im
Sport will Wagner »alle Kräfte bündeln«, Kultur
ist dazu da, Investoren und Touristen anzulocken. Kontinuität auch
bei der Fortsetzung seines »kooperativen Führungsstils«,
»erfolgreich und ehrlich«, wie er nun einmal ist. Selbst Wolfgang
Berghofer hält Herbert Wagner für einen »anständigen
Menschen«. Mit niemandem hat er es sich bislang verderben wollen,
nicht einmal mit den marschierenden Glatzen. Und sollte er einmal nicht
genau wissen, wo es lang gehen soll, so dies doch mit ganzer Kraft. Außerdem
kann er auf prominente Unterstützung im Wahlkampf bauen: Hans-Jochen
Vogel, Erwin Teufel, Angela Merkel und am 9. Juni Kurt Biedenkopf.
Michael Bartsch
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