 |
Musik
Lauschangriff
Star Club
Etwas Melancholie gefällig? Dann Porcupine Tree (3.4.) anhören!
Daheim in England konnten sie in den 14 Jahren seit Gründung kaum
Eindruck schinden. Zuspruch kommt umso euphorischer aus Athen, Rom oder
Berlin. Die vierköpfige Formation begann psychedelisch, galt anschließend
aber als zeitgenössischer Progressive Rock. Gerade diese Spielweise
findet eher im Süden Europas, genau wie hierzulande, Anhänger
zuhauf. Das war schon früher so, und wie es aussieht, scheint sich
daran nichts zu ändern. Porcupine Tree sind Desperados zwischen den
Lagern. Die Streicherarrangements zu »The Lightbulb Sun« (K-Scope/SPV)
schrieb Dave Gregory, vormals XTC – und die waren astreiner New Wave,
stimmt’s? So viel zum Thema Schubladen – und nun Ohren auf für
die neuen Songs. Am besten sind sie, wenn am Schwermut eines Nick Drake
oder von den Pink Floyd der 70er genährt. »How Is Your Life
Today?« beziehungsweise »The Rest Will Follow« sind
bittersüß wie wunderbar. Hörer, die der Band länger
auf den Fersen sind, werden an »Russia On Ice« Geschmack finden,
da mit 13 Minuten ausgedehnt wie frühe Stücke. Kürzer dagegen
das schläfrige »Feel So Slow«, eher für Neueinsteiger
reizvoll. Sobald es lauter wird, die Gitarren krachen, verlieren die Stücke
etwas den Fokus. Mal sehen, wie das von der Bühne her klingt.
Noch ein Opfer fauler Stereotypen, Nebula (10.4.) der Name, bisher
belegt mit dem Etikett Stoner Rock. Gemeint war ein unter kalifornischer
Wüstensonne gegerbter Mix aus Heavy und Psychedelic, der einen reflexhaft
nach alten Scheiben von Blue Cheer oder MC5 greifen ließ. Aber Sänger/Gitarrist
Eddie Glass findet, Nebula seien eher »die fünfte Kraft«.
Was immer er sich da gedacht haben mag – es klingt phänomenal
und soll wohl bedeuten, dass es straff geradeaus geht. Led Zeppelin, Black
Sabbath – schön und gut, die Anklänge lassen sich schwer
verbergen. Auch dass die Mitglieder des Trios bei Fu Manchu sozusagen
den Ritterschlag erhielten – was soll’s. Black Flag oder Dinosaur
Jr. sind genau so bemerkenswert, als Inspiration also relevant. Oder Mudhoney,
denn ihr Sänger Mark Arm hatte 1999 bei einem Song auf »To
The Center« eine Gastrolle. Inzwischen liegt ein neues Album vor:
»Charged« (SubPop/Cargo). Dort erneut schnörkelloser
Rock – diesmal jedoch mit akustischen Gitarren kombiniert. Was sich
nicht schlecht zusammenfügt.
Man versteht Tortoise (14.4.) besser, sobald man sie als Kooperative
betrachtet. Die unregelmäßigen Pausen zwischen neuen Veröffentlichungen
erklären sich aus zahllosen Projekten, die ein jeder nebenher laufen
hat. Vielfach werden Erfahrungen unabhängig gesammelt und hernach
kollektiv ausgewertet. In den drei Jahren seit dem letzten Album war Jeff
Parker bei Chicago Underground Duo/Trio beziehungsweise Tricolour, außerdem
mit John Hearndon und Dan Britney bei Isotope 217 beschäftigt. Dough
McCombs betreibt neben Eleventh Dream Day auch Brokeback. John McEntire
produzierte unter anderem Stereolab und baute ein neues Studio –
eben jenes, wo Anfang 2001 die Aufnahmen zu »Standards« (Warp/Zomba)
abgeschlossen wurden. Und, was bietet das Album Neues? Haben Tortoise
dazugelernt? Einiges. Vom ersten, gewaltigen Gitarrenriff und dem Schlagzeugdonner,
der Eröffnung zu »Seneca«, spielt das Chicagoer Quintett
mit mehr Nachdruck, mit größerer Erfindergabe. (Denn selbst
überzeugte Anhänger mussten in der Vergangenheit Enttäuschungen
einstecken.) Mit »Standards« unterstreichen Tortoise ihre
Vorreiterrolle erneut. Das Material wurde meist live eingespielt, unter
Benutzung einer breiteren Palette an Instrumenten, Musikmustern, Klangfarben
– und wirkt doch weitaus kompakter. Das wird ein spannendes Konzert.
Max Fish
Alter Schlachthof
Joachim Witt (24.4.), letzter Überlebender der Neuen Deutschen
Welle, meldete sich jüngst nach seinem fulminanten 98er Comeback
zurück. Das neue Werk heißt »Bayreuth 2« und ist,
wie der Titel sagt, wohl Opus 2 einer Werkreihe. Neben Songs der bekannten
härteren Gangart (»Jetzt und ehedem«) schlägt er
neue, sanftere Töne mit eingängigen Melodien an, die durch gelungene
Celli-Arrangements bestechen. Das ist deutscher Rock in der Nachfolge
der mittlerweile fast gänzlich verschwundenen DDR-Combos. »In
tiefer Nacht« ist unbedingt hörenswert. Das klingt, als hätte
man einen Flippers-Song weichgespült, und man weiß nicht ganz:
Soll man Witt nun ernst nehmen, oder betreibt er ein ironisches Spiel
mit den Stilen? Hier liegt aber auch die Problematik dieses Albums. Es
ist keine wirkliche Weiterentwicklung des originelleren Vorgängers.
Die Melodien bleiben im Gedächtnis, laufen aber Gefahr, beliebig
zu werden. Das Pathos der Texte grenzt in seiner Naivität nicht nur
an große Sprachgewalt, sondern kann auch als Einfallslosigkeit gedeutet
werden. Es sieht jedoch so aus, als schicke sich Witt an, der legitime
Erbe von Peter Maffay, den Puhdys und Co. zu werden. Und er wird diesem
Anspruch durchaus gerecht. Für Fans von Joachim Witt ist »Bayreuth
2« wohl ein Muss … Alle anderen warten gespannt auf Opus 3.
Ronny Feigenspan
Titty Twister
Die Amis kommen. Oakland‘s Finest Mumble & Peg (30.4.) klingen
auf ihrem dritten Album sehr nachdenklich und lassen textlich tief blicken.
Schöne Verzweiflungspoesie. Dabei können sie aber auch urplötzlich
wütend rappeln, so dass es bisweilen sogar ziemlich gewaltig rockt.
Frontmann Eric Carters emotionale und kraftvolle Stimme bleibt dabei sofort
im Gedächnis haften. Eigenwillig, dunkel, tief gestimmt und melancholisch
sind auch Jud aus Virginia. Im Vergleich zur letzten Platte, »Chasing
California«, merkt man ihnen auch das Älterwerden an. »The
Perfect Life« klingt insgesamt lockerer und entspannt. Hier und da
blitzt verschmitzt ein Lächeln. Alternative-Rock, spannend und frisch
serviert von beiden Bands im Titty Twister.
Jörg Hiecke
Groove Station
Als 1977 die Sex Pistols die Klatschspalten der englischen Yellow Press
beherrschen, beschließen zwei Teenager namens Billy Childish und
Bruce Brand, eine Punk Band namens Pop Rivets zu gründen, und bringen
es auch auf Plattenveröffentlichungen. Bald lernen sie Mickey Hamshire
kennen, der bis ins Knochenmark besessen ist von R&B und dem harten
Beat der frühen 60er. Kurz darauf gründen sie die Milkshakes,
die man als einflussreichste Band für die heutige Garagen-Szene (nicht
nur) in England bezeichnen kann. Sie klangen wie die Beatles live im Star
Club, vermischt mit den frühen Pretty Things. In England wurden sie
sowohl von der Mod-, als auch von der Psychobillyszene vereinnahmt, doch
ihre größten Erfolge feierten sie in Deutschland. Manisch veröffentlichten
sie Platten, 1984 sage und schreibe neun Stück! War die Band nicht
im Studio, stand sie auf der Bühne. Wie so oft fordert das Leben
auf Tour seinen Tribut, immer mehr wurden ihre Auftritte zu Trinkperformances.
Nach einer Österreich-Tour, während der sich die Band ausschließlich
von Stroh Rum ernährte, den sie mit Whiskey nachspülte, löste
sie sich 1985 auf. Mickey zog sich für einige Jahre ganz von der
Musik zurück, und Billy und Bruce gründeten die Formation Mighty
Caesars, denen später die Headcoats folgten. Schließlich gründete
Mickey 1990 gemeinsam mit Bruce Brand und John Barker die Masonics
(22.4.). Auf ihrem 1992 bei Billy Childishs Hangman Label veröffentlichten
Debüt-Album klangen sie so frisch wie die Milkshakes in ihren besten
Zeiten und eigentlich wie eine Fortsetzung der Milkshakes mit den gleichen
Mitteln. Für den Sound war Ex-T.V. Personalities-Mitglied Liam Watson,
Chef des Londoner Toe Rag Studios, verantwortlich, der dann auch die vakante
Stelle des Bassisten übernahm und in der Folgezeit in seinem Studio
unter anderem Platten von den Neanderthals, Flaming Stars, Sir Bald Diddley
und den Monsters aufnahm. Inzwischen haben die Masonics zwei weitere Alben
eingespielt, eines davon für Long Gone Johns Label Sympathy For The
Record Industry. Hingegen konnte man die Band nie live sehen bis zum Herbst
2000, als sie beim Londoner Wild Weekend-Festival ihr erstes Konzert gaben
und einen bleibenden Eindruck hinterließen.
Liam Watson, der außerdem etwa bei den Armitage Shanks spielte,
gründete 1994 die Bristols, die diesen Abend komplett machen. Wer
auch nur einen Funken Liebe für Rock’n’Roll verspürt,
wird bei dieser Doppelpackung aus London mit ganzen Wagenladungen Spaß
und guter Laune überhäuft.
Chuck Did
Theater Junge Generation
Trommeln ist Hochleistungssport, der eine Feinsensorik verlangt, die nur
durch perfekte Koordination machbar ist. Zumindest wenn man hohe Rhythmusschule
betreibt, wie es Terry Bozzio (16.4.) auf seinem Schlagwerk inszeniert.
Unbestritten veredelt er seit über 25 Jahren die Aufnahmen und Bühnenauftritte
der berühmtesten Musiker der Welt mit seinem unschlagbaren(!), virtuosen
Spiel. Als er 1974 mit Frank Zappa zusammenkam, war das der Beginn seines
großen Durchbruchs. Zehn Alben, drei Welttourneen und der Film »Baby
Snakes« gingen aus der Arbeit der beiden hervor. Es folgten bis heute
unzählige Alben und Kooperationen mit Künstlern wie Steve Vai,
Duran Duran, Richard Marx und vielen anderen (gute Übersicht im Netz
unter terrybozzio.com). Kontinuierlich erprobte er neue Spieltechniken,
Rhythmen und Melodien und trug dabei maßgeblich zur Entwicklung von
Drumsets und Sticks einiger Edelhersteller der Branche bei. Ein »Konzert
für einen Solodrummer« ist das neueste Ergebnis seines Schaffens,
und zwar auf seiner »Theater Tour« durch Europa. In seinem LKW
transportiert er unüberschaubare Mengen von Becken, Tom-Toms, Basstrommeln,
Gongs, Handdrums und anderen Perkussionskörpern. Auf der Bühne
begnügt sich Terry mit vier Bassdrums (wer soll die spielen?), und
man könnte meinen, er wolle sich hinter seinem Wald aus Schlagwerk
verstecken. Hören wird man ihn. Die Augen kann man dabei getrost schließen,
um die unglaublichen Klangvariationen aus seinen ästhetischen, von
Perfektion getriebenen Handgelenkschwüngen aufzunehmen. Eine Symphonie
für einen Schlagzeuger. Im wahrsten Sinne des Wortes
Manuel Nitsche
SCHEUNE
Die Goats sind tot, es lebe Incognegro (30.4.)! Denn die drei Masterminds
der Goats – MC Uh-Oh, Gungi Brain und DJ Smoove – taten sich
nach ihrem Ausstieg wieder zusammen und gründeten, wir ahnen es jetzt,
Incognegro. Und weil sie mit »Keepin’ It Lovely« ein
wirklich beeindruckendes Album vorlgelegt haben, holt Doxo Records das
in den USA bereits erschienene Werk nach Europa.
Vierzehn Tracks lang wird auf »Keepin’ It Lovely« der
schwarzen amerikanischen Musik gehuldigt: HipHop, Soul, Funk, versetzt
mit einem Schuss Rock. Deshalb sollte man die Platte auch laut hören.
Denn wie man hier die Grooves laufen lässt und Samples eingesetzt
werden, wie mit Ironie und Witz erst auf den zweiten Blick politsche Botschaften
in den Lyrics rüberkommen, das macht Eindruck. Zitiert werden im
Zusammenhang mit dem Incognegro-Sound Namen wie die Beastie Boys und De
La Soul, was sicher nicht verkehrt ist. Aber – ist man schon beim
Namedropping – gerade im Umgang mit Funk fällt mir zuerst Beck
und sein letztes Album »Midnight Vulpture« ein.
Insgesamt machen Incognegro in Sachen HipHop eine neue Tür auf. Und
auch Doxa begibt sich mit dieser Band auf ein weiteres Spielfeld. Denn
auch wenn man Incognegro überall als »not a typical american
hiphop band« ankündigt, steht außer Frage, dass diese
Album auch ganz »normalen« HipHop-Fans gefallen wird, denen
der intellektuelle Hintergrund irgendwie schnurz ist.
Uwe Stuhrberg
Blues als Jungbrunnen
Die 18. Auflage des Dresdner Bluesfestivals bietet viel Neues und giert
nach Nachwuchs
Ein Jahr eher als der Austragungsort, der Klub Neue Mensa, wird das
Dresdner Bluesfestival volljährig. Die 18. Ausgabe der inzwischen zum
wichtigsten Treffen der Szene im Osten Deutschlands gemauserten Festivität
war Anlass für gewichtige Neuorientierungen: Zuerst wurde ein Gremium
aus der Taufe gehoben, um die sächsische Bluesszene im Allgemeinen,
das Dresdner Festival aber im Besonderen mittel- und langfristig per Ideen-
und Engagement-Input am Leben zu erhalten. Mitte letzten Jahres gründete
sich unter Federführung von Hannjo Sänze, seit 1986 Cheforganisator
und nun folgerichtig Vereinsvorsitzender, die »Dresden Blues Community«.
Die tritt nun vom 20. bis 22. April erstmals und fortan gemeinsam mit dem
KNM als Koproduzent an und auf.
Diese Verquickung trägt gleich erste Blüten, nämlich drei
bemerkenswerte Neuerungen. Die erste ist die Auslobung eines »Blues
Award« mit dem Untertitel »The Next Generation«. Und obwohl
ohne finanzielle Hintergedanken und -gründe ausgestattet, bewarben
sich fast 50 Bands um einen der fünf Startplätze, die mit einer
halben Stunde Spielzeit am Freitagabend vor begeisterungsfähigem Publikum
garniert sind. Auch die zweite Innovation richtet sich an die jüngeren
unter den Bluesern: Mit »Juniorblues« wird erstmals ein Kinderworkshop
parallel zum samstagmorgendlichen Frühschoppen angeboten. Dabei sollen
vor allem Rhythmik und inhaltliche Wurzeln des Blues vermittelt werden.
Es spricht aber bei entsprechender Begabung oder Improvisationsfreude nichts
gegen eine erste Livesession. Während die Eltern beim eintrittsfreien
Schoppen immerhin die kompletten Spesen zu tragen haben, kostet der Workshop
für die Kids nur fünf Mark und beinhaltet auch Speis’ und
Trank. Allerdings ist eine Voranmeldung vonnöten, damit altersgerecht
differenziert werden kann.
Die dritte Neuheit – nur finanzierbar dank Unterstützung des Dresdner
Studentenwerkes – ist die abschließende, sonntägliche Bluesdampferfahrt
bis Pillnitz und zurück (15 Uhr), die das Festival um einen Tag verlängert
und vor allem als Dankeschön für Freunde und Förderer, Beteiligte
und Organisatoren gedacht ist. Der Verkauf der Restkarten lief rasend an
und spricht für die Idee (allerdings könnte ein derartiger Zuspruch
ohne Sponsoring künftig am dann höheren Kartenpreis scheitern).
Die thematischen Schwerpunkte der Abendveranstaltungen sind dieses Jahr
»Blues in France« (20. April) und »From Mississippi to
Detroit« (21. April).
Zu letzterem wird wieder der Publikumsliebling des Jahrgangs 2000 erwartet:
David Honeyboy Edwards, mit Jahrgang 1915 angeblich der letzte lebende Vertreter
der ersten Generation (siehe Beitrag unten).
R. Ment
Informationen: Band-Info: 8 43 89 8 74; Juniorblues: 8 03 40 82 (bei Alopé
Kuder);
www.Dresdner-Bluesfestival.de
|