Intro

Die Zeiten von Baracken und Blümchentapete, von Tüllgardinen und Honeckerbildern sind vorbei; wer heute eine Behörde oder ein städtisches Unternehmen betritt, wird mit moderner Kunst, livrierten Liftboys und grauer Auslegware konfrontiert. Zumindest die Gärtner haben sich in blühenden Landschaften eingerichtet, auch wenn die Topfpflanzen zuweilen aus Kunststoff sind. Die Nordwest Woba gar will sich ihren neuen Hauptsitz in der Hauptstraße vom Stararchitekten Daniel Libeskind errichten lassen. Natürlich lässt sich gerade in Dresden trefflich darüber streiten, ob ein so moderner Bau an diese Stelle und überhaupt ins barocke Stadtbild passt, aber auch die Frage, woher ein städtisches Wohnungsbauunternehmen die nötigen Millionen für so einen Palast nimmt, könnte man stellen. Früher, als es noch Baracken, Blümchentapete, Tüllgardinen und Honeckerbilder gab, war es üblich, die Kosten jedes neuen Waffensystems des Klassenfeindes in Krankenhäuser, Schulen, Jugendclubs oder Kindergärten umzurechnen, um damit dessen moralische Verderbtheit zu beweisen. Diese Arithmetik muss nicht falsch sein, nur weil es keinen Klassenfeind mehr gibt und die öffentlichen Gelder (wessen Geld überhaupt?) aus unterschiedlichen Töpfen kommen. Und sie scheint auch in diesem Fall nahe zu liegen, solange Jugendeinrichtungen geschlossen werden, es noch Schulen und Kindergärten gibt, in denen das Abhängen der Honeckerbilder – abgesehen von der neu belebten volkswirtschaftlichen Masseninitiative der Eltern – die einzige bauliche Veränderung seit reichlich zehn Jahren darstellt und dringend nötige Schulsanierungen mangels Finanzen auf Eis liegen.
Apropos Eis. Vor Jahren wollte man uns ja einreden, dass die nächste Eiszeit bevorsteht, nun aber haben die Meteorologen das letzte Jahr als das wärmste des Jahrhunderts diagnostiziert. So ist es eben mit dem Wetter, es ändert sich oder es bleibt, wie es ist. Aber wenigstens der Klima-GAU bleibt uns auf jeden Fall erhalten. Gott sein Dank, möchte man sagen, denn so ganz ohne Katastrophenstimmung scheint sich hierzulande niemand mehr wohl zu fühlen. Klein Grund also für die Klimaforscher, sich zu entschuldigen. Ansonsten sind Entschuldigungen ja in Mode. Kohl und Koch haben sich entschuldigt, Außenminister Fischer entschuldigte sich für die Zeit als jugendlicher Straßenkämpfer, und irgendwann werden auch die rechten Schläger in die Jahre kommen. Wenn das so weitergeht, wird bald eine große Läuterung das Land erfassen, Zlatko wird Shakespeare neu übersetzen, Babs sich bei Boris und Boris sich bei Babs entschuldigen, und der öffentlich-rechtlichen ARD wird das (mit wessen Geld eigentlich?) einen Brennpunkt wert sein. Demnächst wird sich Herr Berghofer für seine Wahlfälschung entschuldigen und irgendwann vielleicht auch die Frauen, die in diesem Jahr erstmals zu den Waffen griffen. Und natürlich wird allen verziehen werden. Nur Herr Westerwelle, Deutschlands am schmierigsten lächelndes Stück Seife, wird sich für nichts entschuldigen müssen.
wonne