Film

Traffic – Macht des Kartells
USA 2000 · Regie: Steven Soderbergh
Das hat vor ihm noch keiner geschafft: in einem Jahr gleichzeitig zwei Oscar-Nominierungen für Beste Regie und Bester Film (für »Erin Brockovich« und »Traffic«) einzuheimsen. Dass die Berlinale-Jury unter Vorsitz von Bill Mecanic (der pikanterweise als Fox-Boss das Projekt abgelehnt hatte) ihm den verdienten »Goldenen Bären« verweigerte, lässt Steven Soderbergh wohl kalt. Sein ambitionierter Drogenthriller erzählt von einem Krieg vor Amerikas Haustür, der wohl kaum gewonnen werden kann. Gegen das Drogenkartell, das im Süden Kaliforniens und in Mexiko seine Fäden spinnt, sind mexikanische und amerikanische Ermittler machtlos. Geschickt verbindet Soderbergh verschiedene Geschichten. Zwei mexikanische Cops (»Silberner Bär« für Benicio Del Toro) kämpfen gegen die Tijuana-Drogenmafia, merken aber bald, dass ihr Chef selbst seine Finger im dreckigen Spiel hat. Ein Bundesrichter aus Ohio (Michael Douglas) steht vor der Berufung als oberster Drogenfahnder nach Washington und muss entsetzt feststellen, dass seine eigene Tochter süchtig nach Kokain und Designerdrogen ist. Im feinsten Viertel von San Diego versucht die schwangere Ehefrau (Catherine Zeta-Jones) eines steinreichen Drogenbosses, ihren Gatten mit allen Mitteln aus dem Gefängnis zu lotsen, auch wenn ein paar Menschen dabei draufgehen sollten. Menschenleben zählen nichts in diesem Business. Zwar setzt Soderbergh auf Mainstream-Zutaten wie jede Menge Action, Ballereien und Explosionen, doch durch die (von ihm geführte) eigenwillige Kamera wirkt der Film fast dokumentarisch. Er legt den Finger auf die Wunde, bietet keine Lösung an, will das scheinheilige Schweigen über Drogenkonsum und Drahtzieher brechen. Der gnadenlose Blick in eine Welt von Drogen und Gewalt gehört zum Besten, was in der letzten Zeit übern Teich kam. Spannung und Unterhaltung pur. Margret Köhler

voraussichtlich Schauburg, UFA, UCI, Bofimax (Bundesstart 5.4.)

15 Minuten Ruhm
USA 2001 · Regie: John Herzfeld

In Amerika kann man auf sehr bizarre Art und Weise reich und berühmt werden – man metzelt sich so durch, lässt sich nach Festnahme für nicht zurechnungsfähig erklären und verkauft seine Story meistbietend an einen sensationsgeilen TV-Sender. Zwei frisch in die USA eingereiste Osteuropäer erkennen diesen Kniff sehr schnell. Nachdem sie einen alten Kumpel massakrierten, der sie um Bares beschiss, kommt das Duo so richtig in Fahrt, hinterlässt auf Schritt und Tritt eine Blutspur. Während der eine Gefallen am Töten findet, nimmt sein dämlicher Kumpel die Taten auf Video auf. Wer weiß, vielleicht kann er das mal Gewinn bringend verscherbeln und sich einen Namen als »Regisseur« machen? Den abgebrühten Ganoven und der flüchtigen Zeugin des ersten Mordes auf den Fersen sind New Yorks berühmtester Cop Eddie Flemming (Robert De Niro) und sein junger Kollege Jordy Warsaw (Edward Burns). Gewagt, dass Regisseur John Herzfeld Robert de Niro durch die Verbrecher ziemlich unappetitlich abmurksen
lässt. Zwar kriegen die ihre gerechte Strafe, dafür sorgt schon Buddy Jordy, aber die Lust auf Kino ist in der letzten halben Stunde dahin. Die Mischung aus reißerischem Cop-Film, bitterböser Mediensatire und Komödien-Elementen funktioniert nicht. Außerdem wirkt es unglaubwürdig, dass zwei so dreiste Killer sich tagelang unbehelligt durch Manhattan trollen können. So ganz auf den Kopf gefallen sind die Leutchen vom NYPD nun auch nicht. Und dass das genuin Böse mal wieder aus dem wilden Osten (Russland und Tschechien) kommt, kocht nur Vorurteile und Ängste gegen alles Fremde hoch. Vom Feinsten dagegen der Schlag ins Kontor von quotenfixierten TV-Journalisten, die skrupellos alles senden, was Zuschauer vor die Mattscheibe bringt. Da ist die moralfreie Marge zwischen Medienmachern und Mördern plötzlich sehr schmal.
Margret Köhler

voraussichtlich UFA, UCI, Bofimax
(Bundesstart 12.4.)

Heidi M.
Deutschland 2001 · Regie: Michael Klier

Zehn Jahre dauerte es, bis Michael Klier nach »Ostkreuz« seinen nächsten Spielfilm drehen konnte. Zeichen dafür, dass in Deutschland talentierte Regisseure nicht gerade gehegt und gepflegt werden. »Heidi M.« ist ein kleiner, unprätentiöser Film mit großem Wahrheitsgehalt, das sensibel inszenierte Psychoporträt einer Frau, die den Boden unter den Füßen verloren hat und erst einmal zu sich selbst finden muss, bevor sie ihr Glück findet. Das Leben tut weh. Die 19-jährige Tochter geht für ein Jahr nach Australien, der Ex-Mann wird gerade mit einer Jüngeren Vater. Heidi, gelernte Elektroinstallateurin, spürt die Leere nicht nur in der Wohnung, sondern auch im Herzen. Seit der Wende hält sie sich mit einem kleinen Laden über Wasser, ein nachbarlicher Treffpunkt, wo sich die unterschiedlichsten Gestalten die Klinke in die Hand geben – die Ärztin, die mal schnell auf einen Kaffee vorbeikommt, ein Kneipenbesitzer, der ständig anschreiben lässt, eine zerstreute Oma, die sich die immer gleichen Videos ausleiht. Und dann taucht ein Fremder auf, der jüngere Flugzeug-Elektroniker Franz. Die beiden verwundeten Seelen nähern sich an, doch zu viel Nähe kann Heidi noch nicht ertragen, zu tief brennt noch die Enttäuschung. Dennoch – ein Fünkchen Hoffnung bleibt für die beiden. Klier, der seine Jugend in Dresden verbrachte, erzählt von Menschen in Berlin und einer Stadt im Umbruch, von psychischen Umbruchsituationen, von der Schwierigkeit, loszulassen und sich von schmerzhaften Erinnerungen zu lösen. Dabei wird er unterstützt von Kamerafrau Sophie Maintigneux und einem exzellenten Schauspielensemble von Franziska Troegner über Ulrike Krumbiegel bis Dominique Horwitz. Einfach grandios: Katrin Saß als starke und verletzbare Heidi M. an der Endstation namens Sehnsucht. Ihr Blick und ihr Gesicht sprechen Bände.
Margret Köhler

voraussichtlich Schauburg (Bundesstart 29.3.)

Zusammen
Schweden 2001 · Regie: Lukas Moodyson
Mit »Raus aus Amal«, seinem Debüt, hat Lukas Moodyson einen überaus überzeugenden Teenie-Film abgeliefert. Nun machte sich der smarte Schwede an die Tücken und Freuden des Wohngemeinschaftslebens – und bekam beim Filmfest von Venedig stehende Ovationen dafür. Wir schreiben das Jahr 1975, in Spanien stirbt Franco, im IKEA-Land jubelt die linke WG über den Tod des Faschisten. Allerdings ist auch in der Hippiekommune nicht alles immer ideal: Ärger um den Abwasch (»Spülen ist bürgerlich«), Streit um den Kauf eines Fernsehers sowie diverse Problemchen mit der freien Liebe sorgen für Chaos. Als der freundliche Göran seine vom Gatten verprügelte Schwester samt deren zwei Kindern in die WG bringt, wird dort der Platz zwar knapp, dafür eröffnen sich allerlei neue Konstellationen. Der kleine Tet etwa (benannt nach der Vietnamkrieg-Offensive) bekommt dank seines neuen Kumpels erstmals eine Spielzeugpistole (»Ich bin jetzt Pinochet«) – derweil seine Mutter in dessen Mama ein neues Objekt ihrer lesbischen Begierden entdeckt. Situationskomik samt Wortwitz findet sich reichlich in dieser Tragikomödie. Weil Regisseur Moodyson seine Figuren alle sehr liebevoll zeichnet, wirken die Pointen umso treffsicherer. Auf dümmliche Kalauer hiesiger WG-Klamotten wird souverän verzichtet. Bei allem Spaß kommt aber auch der Ernst des Lebens nicht zu kurz: sei es der prügelnde Ehemann, der hilflos nach Vergebung und einem Ausweg aus seinem Alkoholproblem sucht. Oder jener einsame Mann, dem lediglich der Klempner als Gesprächspartner bleibt. Die Suche nach dem kleinen Glück, die Angst vor Einsamkeit, das Scheitern von Idealen – selten wurden solche Themen so leichtfüßig in Szene gesetzt. Die Ausstattung sorgt für eine perfekte Zeitreise in die Seventies, die fast dokumentarische Kamera erzeugt Realismus ohne aufdringliches »Dogma«-Getue. Auf den gelungenen Schluss kann man sich besonders freuen: Auf solch ein Ende zu den »SOS«-Klängen von ABBA kann Hollywood nur neidisch sein.
Dieter Osswald

12.4.-2.5. Programmkino Ost (Bundesstart 12.4.)